Die charmante Schnodderigkeit
26. May 10: Blockflöte des Todes - Die Neuentdeckung aus der deutschen Provinz | Martin Müller
Nun ja, wenn man anfangs nur den Künstlernamen vor sich hat, sieht man sich schnell dazu verleitet, dahinter langhaarige Typen mit krassen Gitarren und enormen stimmlichen Organen zu vermuten. Doch weit gefehlt: Dahinter steckt ein ganz normal dreinblickender Sachse mit bürgerlichen Namen Matthias Schrei, wobei der Nachname nicht als Andeutung hinsichtlich des Gesangs verstanden werden soll. Vielmehr ist er auf dem Land groß geworden, spielt fast alles, was es an Musikinstrumenten gibt, hat eine kleine Tochter und brauchte mehr als zwei Jahre, bis jetzt endlich sein Debütalbum „Wenn Blicke flöten könnten“ erschienen ist. Mit „Happy Birthday Jesus“, einem Weihnachtslied, hatte die Blockflöte des Todes bereits einen Überraschungshit gelandet. Mit viel Wortwitz, unterlegt mit lässiger Gitarrenmusik, besingt er den Alltag, mal ironisch, dann wieder mit viel Ironie, aber immer mit einem Augenzwinkern hinter dem sich ein tieferer Sinn versteckt. Über die Jahre haben sich einige Songs angesammelt, so dass gleich auf dem Debüt sechzehn davon darauf Platz gefunden haben.
Doch lässt sich gleich zu Beginn an der Ernsthaftigkeit dieser Unternehmung zweifeln, denn „Mädchenhaar“ wirkt wie die Parodie eines Nerds. Keinen Sex wegen einer Mädchenhaarallergie zu haben und deren Nachteiligkeit hinsichtlich eines Lebens ohne Freundin klingt schon etwas sehr nach reinem Klamauk. Und so spinnt sich die Blockflöte des Todes weiter über einen Mitbewohner, der `YouPorn` entdeckt hat hin zum Vergleich: „Du bist so schön wie ein Flughafen / Komm lass uns miteinander“ usw. So finden sich allerhand Geschichten, die eigentlich so niemand erlebt haben kann, oder doch? Irgendwie scheint sich hier ein Außenseiter die Gänze absurder Lebenserfahrungen von der Seele zu singen. Und genauso grotesk wirkt die Inszenierung mit so schön fröhlich wirkender Easy-Going-Gitarren-Musik bei „Volkshochschulkurs“, das sich um einen Kurs zum gelungenen Suizid entpuppt. Dann gibt es da auch so einfach schöne Lieder, wie „Liebe kommt, Liebe geht“ über den langsamen Verfall einer Beziehung in eine leere Routine: „Wo früher mal Gefühle waren / Da ist jetzt / Ein sich gut vertragen“. Anders, gar schwer, ist da „Kein Liebeslied für Tina“, das sich so traurig ausnimmt: „Ich dachte nur an Titten / Und dann hast du dir vor Kummer die Pulsadern aufgeschnitten [...] Tina war eigentlich nur irgendwer / Nicht so wichtig wie mein Teddybär“. Auch der Ekelfaktor wird hier bedient, wenn uns eine nette Frauenstimme über ihre Chlamydien aufklärt im „The happy happy Disko Lied“.
Vergleiche mit anderen deutschen Bands, denen ebenso der Schalk im Nacken sitzt, sind durchaus angebracht, siehe Die Ärzte. Ob es daher notwendig ist, noch einen Künstler zu haben, der sich in bisweilen schon grenzwertigen Textpassagen über dies und das auslässt, muss jedem selbst überlassen werden. Außer Frage steht aber, dass die Blockflöte des Todes für gute arrangierte Songs steht, die ideal für einen kommenden Sommer geeignet sind. Lässig und leicht, aber überhaupt nicht belanglos, kommen diese frechen Nummern daher, machen Spaß und lassen uns dann und wann wieder schmunzeln. Manchmal bleibt einem aber auch das Lachen im Halse stecken. Dennoch ist dieses Debüt eine kleine Entdeckung, die überzeugt.
Website von der Blockflöte des Todes
| Wenn Blicke flöten könnten von Blockflöte des Todes |
| Erschienen am 30.04.2010 bei Wannsee Records |
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