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Broadway der Eitelkeiten

28. Jan 15: Alejandro González Iñárritus Oscar-Favorit Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) | Dobrila Kontić

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Mit zahlreichen Auszeichnungen und Lobgesängen versehen, kommt Alejandro González Iñárritus (Amores perros, Babel) neuestes Machwerk mit dem sperrigen Titel Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) angetrabt, um uns die wahnhaften Auswüchse der Hollywood-Star-Maschinerie vor Augen zu führen: Ein einstiger Superstar, der vor Jahren mal Batman spielte, spielt darin einen einstigen Superstar und Superheldendarsteller, der sich an einem Comeback über den Broadway versucht, dabei aber seine eigene Eitelkeit nicht überwinden kann. Über ebendiese stolpert Iñárritus Tragikomödie aber schließlich selbst.

Der betagte Riggan Thomson (Michael Keaton) leidet am Entzug dessen, was für ihn die Welt ausgemacht hat: Ruhm, Kult um seine Person, Relevanz. Etliche Jahre ist es her, dass er als Comicheld Birdman die Massen ins Kino lockte und zum Star avancierte. Heute – und damit eröffnet Iñárritus satirisch anmutender Film – schwebt er im Schneidersitz in einer heruntergekommenen Garderobe eines einst grandiosen Broadway-Theaters. Im winzigen Fernseher läuft ein Bericht zur wieder erblühten Blockbuster-Karriere von Robert Downey Jr. und eine raue, dunkle Stimme flüstert Riggan ein, dass dieser nur halb so viel Talent habe wie er und doch ein unverhofftes Comeback geschafft hat.

Hollywood vs. Broadway

Mit aller Kraft verdrängt Riggan diese Stimme, schließlich hat er einen ganz anderen Plan: Er hat sich einer Kurzgeschichtensammlung des viel geschätzten Schriftstellers Raymond Carver angenommen und ist dabei, sie in wenigen Tagen unter seiner Regie und mit sich selbst in einer der Hauptrollen auf die Bühne zu bringen. Ein waghalsiges Projekt, dem Riggan zum Ärger seines eifrig-nervösen Agenten Jake (überraschend großartig: Zach Galifianakis) eine große Summe seines eigenen Vermögens zuschießen muss. Riggan geht es dabei nicht nur darum, ein Comeback zu schaffen, sondern zugleich als ernsthafter Schauspieler wahrgenommen und erneut gefeiert zu werden. Der Druck ist dementsprechend groß, die Atmosphäre im Theater gespannt und geschäftig, und die Kamera führt uns als Zuschauer scheinbar nahtlos, in teilweise simulierten Plansequenzen, von der Garderobe zur Anprobe und zur Bühne, wo das Unfassbare in der Probe geschieht: Einer der Hauptdarsteller wird mitten im Dialog von einem plötzlich herabstürzenden Scheinwerfer getroffen und fällt für die in wenigen Tagen anstehende Preview aus. Ersatz muss her und über die mitwirkende Schauspielerin Leslie (Naomi Watts) erhält Riggan die Gelegenheit, den vom Theaterpublikum ebenso wie von Kritikern gefeierten Mike Shiner (Edward Norton) zu engagieren. Im Nu überzeugt Mike mit seiner Leidenschaft Riggan – doch bald stellt sich heraus, dass die Kompromisslosigkeit dieser Broadway-Größe, die auf Wahrheit und wahrer Erfahrung auf der Bühne besteht, mit einem schwer zu bändigenden Arschlochtum einhergeht. Bei einer zu nichts führenden Aussprache zwischen den beiden in einer Bar macht Mike Riggan auf Tabitha Dickinson, die geachtete Theaterkritikerin der New York Times aufmerksam – diese verachtet den Starrummel Hollywoods und grollt Riggan, dass dieser es wagt, auf ihrem Revier (dem Broadway) ein eigens produziertes Stück aufzuführen.

Die Existenz, die wahrgenommen werden will

Als wären diese Umstände nicht strapaziös genug, hat Riggan auch noch an privater Front zu kämpfen: Als Assistentin hat er ausgerechnet seine Tochter Sam (Emma Stone) engagiert, die frisch aus der Rehab kommt und die jahrelange Vernachlässigung durch ihren Vater nie verwunden hat. In einer von Emma Stone etwas zu eindringlich vorgetragenen Wuttirade macht diese ihn auf seine verfehlte Eitelkeit bei gleichzeitig fehlender Relevanz aufmerksam. Denn heute, so Sams Ansicht, die offenbar die Ansicht einer ganzen Generation repräsentieren soll, wollten alle Menschen relevant sein und würden dies über Twitter und Facebook auch erreichen – wozu braucht man da noch ein Stück von einem längst verstorbenen Schriftsteller, den nur reiche, weiße Arschlöcher schätzten?

Diese Rede Sams ist eines von Dutzenden Beispielen für das allzu offensichtlich eingehämmerte Leitmotiv von Iñárritus Film: Es geht um unser aller Wunsch nach Bestätigung und Wahrnehmung der eigenen Existenz durch andere. Und bei Schauspielern, so vermittelt dieser Film, ist dieser Wunsch dauerpräsent und mündet ins Krankhafte. Es wird uns vermittelt durch Riggan, dem es – wie er im Gespräch mit seiner Ex-Frau verrät – nicht etwa vorm Tod graut, sondern dass dieser von einem zeitgleich versterbenden Star überschattet werden könnte. Es wird uns vorgeführt an Mike Shiner, der in einem Moment Riggans einstigen Star-Status mit den Worten abtut, Popularität sei die „nuttige kleine Schwester von Prestige“, im anderen Moment aber vor Neid erblasst, als Riggan auf der Straße von Birdman-Fans erkannt wird. Auch durch das auf die Bühne gebrachte episodenhafte Stück wird uns dieses Leitmotiv zugefüttert, in dem es um Liebe, Selbstliebe, Wahn geht und der Riggan in der Rolle eines eben zurückgewiesenen Mannes die Worte aussprechen lässt „Ich existiere nicht.“ Und dann wäre da noch der Riggan verfolgende, lächerliche Mann im Vogelkostüm, der die kaum verborgenen Wünsche seines Alter Egos nochmal beim Namen nennt – Danke für diese Erläuterung des Offensichtlichen, Birdman.

Kalkulierter Kritikerliebling

Der Film umkreist sein Thema so unablässig wie die Kameras Riggans Gang durch die Kulissen und das – trotz wirklich komischer und darstellerischer Highlights seitens Keaton, Norton und Galafianakis – ist auf Dauer dann doch ermüdend. Denn dieser Film, der viel über Hollywood, den Starrummel, die die Hochkultur zerstörenden Blockbuster erzählen und noch dazu künstlerisch produziert sein will, erschlafft an seiner eigenen Eitelkeit und Durchschaubarkeit: Natürlich musste für die Hauptrolle augenzwinkernder Weise Batman-Veteran Michael Keaton engagiert werden, die Nebenrollen mit bekannten und geadelten Gesichtern besetzt sein, die ‚Digital Natives‘ angesprochen und noch eine unnötige Liebesgeschichte in den Film hineingepresst werden, damit man Hollywood und seinen perfiden Starrummel endlich mal gehörig aufs Korn nehmen kann (aber dabei bitte nicht die Produzenten, Kritiker oder gar das zahlende Publikum verschreckt). Herausgekommen ist mit Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) ein streckenweise durchaus interessanter aber unnötig gefälliger Film, der bei der Oscar-Verleihung seine so dringend benötigte Bestätigung erhalten wird. Und dafür wurde Carver missbraucht!

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
(Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance))
Fox Searchlight Pictures, USA 2014
Regie: Alejandro González Iñárritu. Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Jr., Armando Bo
Hauptdarsteller u.a.: Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone
119 Min. Dt. Filmstart: 29. Januar 2015

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