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Text, Lügen und Video

11. May 11: Miklós Gimes‘ verfehlte Doku Bad Boy Kummer über einen der größten deutschen Medienskandale | Dobrila Kontić

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Er war der Starreporter der 90er Jahre: Der aus der Schweiz stammende Journalist Tom Kummer sprach mit etlichen Schauspiel- und Musikergrößen in Hollywood und lieferte unter anderem dem SZ Magazin und dem Schweizer Tages-Anzeiger spannende und ungewöhnlich tiefsinnige Interviews. Sharon Stone sinnierte darin über die Macht der Verführung, Mike Tyson erörterte die Zusammenhänge zwischen Stärke und Wissen und Sean Penn offenbarte seine Vertrautheit mit den Thesen von Kierkegaard. Und dann der Schock: Am 15. Mai 2000 enthüllte ein Focus-Artikel, dass diese und etliche andere Interviews mit damaligen Stars wie Courtney Love, Kim Basinger und Brad Pitt so oder gar überhaupt nicht stattgefunden hatten. Die Geschichte weitete sich zum handfesten Medienskandal aus, Entlassungen folgten und Tom Kummer schaffte es nie zurück in den Journalismus. Knapp 10 Jahre später liefert Miklós Gimes, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des Tages-Anzeiger Magazins, mit Bad Boy Kummer eine Doku ab, die fernab jeglicher Leitidee dem als Lügner entlarvten Kummer 90 Minuten Zeit zur Selbstdarstellung bietet.

Hochmut kommt vor dem Fall möchte man meinen, doch wenn Tom Kummer relativ zu Beginn von Bad Boy Kummer den Kopf nach links und rechts neigt und in seinem vom Schweizer Dialekt noch immer geprägten Englisch verkündet „I was a baaad boy“, wird man schnell eines Besseren belehrt. Auch 10 Jahre nach dem einstigen Skandal bereut Tom Kummer seine Taten nicht und brüstet sich viel lieber mit seinem damaligen Einfallsreichtum. Etwas anders sehen es seine ehemaligen Chefs wie Markus Peichl, der Gründer des Lifestyle-Magazins Tempo, der Tom in einer direkten Konfrontation zwar enormes Talent aber auch Gewissenlosigkeit bescheinigt. Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, die ihre Posten als Chefredakteure des SZ Magazins im Zuge des Skandals im Jahre 2000 räumen mussten, standen für Gimes‘ Film gar nicht erst zur Verfügung. Zu tief sitzt wohl noch der Ärger über den einst als begnadet geltenden Reporter. Aber vielleicht wollte man sich auch bloß nicht die Blöße vor der Kamera geben: Denn in Bad Boy Kummer kommen neben dem enfant terrible zahlreiche Stimmen zu Wort, die belegen wollen, dass die Wahrheitsferne von Kummers Interviews und Reportagen ein offenes Geheimnis in den ‚betroffenen‘ Redaktionen war. Dies hätte ein interessanter Aufhänger für den Film sein können: Wie sehr war der Skandal der unstillbaren Gier der Redaktionen und vielleicht auch der Leser nach spannenden und vor allem sinnstiftenden Geschichten geschuldet? Oder dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Wahrheit im Journalismus? Doch aus unerfindlichen Gründen hat sich Gimes bei seinen Recherchen gegen ein konkretes Leitmotiv entschieden und sich mit dem endlosen Palaver von Kummer selbst, dessen in Videoaufnahmen festgehaltener künstlerischer Vergangenheit und derzeitiger Gegenwart als Paddle Tennis-Lehrer und Familienvater in Santa Monica begnügt.

92 Minuten lang möchte diese Dokumentation, die vielmehr einer ziellosen Materialsammlung gleicht, dem Fall und der Person Tom Kummer näher kommen, folgt ihm von Los Angeles nach Bern, Zürich, Hamburg und Berlin und scheitert – und zwar nicht auf grandiose sondern auf für den Zuschauer ärgerliche Weise. Das dürfte zum einen an der fehlenden Fragestellung des Films liegen, zum anderen am fehlenden Abstand des Regisseurs zu seinem Sujet: Als einstiger stellvertretender Chefredakteur des Tagi Magi hatte Miklós Gimes Kummer zu seinen Hochzeiten als gefragter Journalist kennen und wohl auch schätzen gelernt. Eine Neubewertung seiner Person und seiner Vertrauenswürdigkeit ist wohl auch nach dem Skandal bei Gimes nicht erfolgt. Und so nimmt dieser mit seinen eigenen Schilderungen sehr viel Raum im Film ein. Selbst bei den Interviews mit ehemaligen Weggefährten und Kollegen Kummers ist dieser selbst fast immer zugegen, so dass man schnell den Eindruck gewinnen könnte, das Sujet habe hier selbst Regie geführt. Da Tom Kummer aber trotz allem ein begnadeter Geschichtenerzähler und Unterhalter ist, kann das kaum der Fall sein.

Bad Boy Kummer
Dokumentarfilm
T&C Film, Schweiz 2010
Regie: Miklós Gimes
92 Min. Dt. Filmstart: 5. Mai 2011

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