Der Wert von Freundschaft
18. May 11: Amor Towles‘ Roman Eine Frage der Höflichkeit | Flora Treiber
Höflichkeitsregeln haben in den letzten Jahren an Charme und besonders an Popularität und Bedeutung verloren. Aber die wenigen Männer, die die wichtigsten Regeln der Höflichkeit beherrschen, werden niemals ihren Charme verlieren. Das weiß auch der Schriftsteller Amor Towles, denn in seinem Debütroman Eine Frage der Höflichkeit erschafft er einen Protagonisten, für den nicht nur die Romanfiguren Katey und Eve aufgrund seines Auftretens auf der Stelle Sympathie empfinden, sondern auch der Leser. Fast alles kann zu einer Frage der Höflichkeit werden, aber was passiert, wenn es sich bei dieser Frage um Liebe handelt und bei der Höflichkeit um eine Täuschung?
Katey Kontent entdeckt in einer Ausstellung im Museum of Modern Art zwei Portraits von ihrem früheren Freund Tinker Grey, die der Künstler Walker Evans in der New Yorker Subway geschossen hat. Die Fotografien wecken Erinnerungen und Katey lässt die letzten 30 Jahre Revue passieren: In der Silvesternacht des Jahres 1937 lernen die Freundinnen Eve und Kate in einem Jazzclub den charmanten und augenscheinlich reichen Tinker Grey kennen. Zusammen schliddern sie auf den glatten Straßen New Yorks in das neue Jahr, welches noch unentdeckt und schweigsam vor ihnen liegt. Seit dieser Nacht führt Tinker die beiden jungen Frauen in die teuersten Restaurants und in die angesagtesten Clubs der Stadt aus – eine turbulente Freundschaft beginnt. Die Freundinnen finden Gefallen an der schillernden Welt und wollen sich Zutritt zu dieser verschaffen. Gestoppt werden sie durch eine folgenträchtige Vollbremsung. Bei dem Autounfall wird Eve schwer verletzt und fällt für mehrere Tage ins Koma. Aus Schuldgefühlen nimmt Tinker Eve nach ihrer Krankenhausentlassung in seine exklusive Wohnung am Central Park auf. Die Liebe, die sich zwischen Kate und Tinker entwickelt hat, hat nun keinen Platz mehr. Kate versucht ihre verlorene Liebe durch andere Freunde, viel Arbeit und noch mehr lange Nächten zu vergessen. Sie ist gebildet, clever, warmherzig und bestreitet ihren Weg mit viel Klarsicht und Willensstärke, so ist es nicht verwunderlich, dass sie trotz der großen Trauer erstaunlich gut mit ihrem und Eves Schicksalsschlag umgeht. Eine vielfältige und emotionale Geschichte über Freundschaften und Verluste beginnt und viele Geheimnisse, um Tinker und seine Familie werden im Laufe der Handlung aufgedeckt. Warum am Ende des Buches alle 110 Höflichkeitsregeln des jungen George Washington abgedruckt sind und welche Gefahren sie für Tinker und die zwei Freundinnen bergen ist nach dieser Lektüre ein offenes Geheimnis.

- Der amerikanische Autor Amor Towles. © Margaret Towles
Die unsichtbare Dritte des Buches ist New York selbst. Der Roman zieht den Leser mit wunderschön beschriebenen Schauplätzen in den Bann des New Yorker Lebensgefühls der 30er Jahre. An manchen Stellen des Buches vergisst man die Handlung, die sich teilweise in dem Schatten der fabelhaften Beschreibungen versteckt hält, um sich so besser der erfrischenden, unkomplizierten, komischen und ab und an sentimentalen Sprache hinzugeben. So heißt es an einer Stelle „Das Kleid ist wie ein Scherz […] aber ein gebildeter, eleganter Scherz.“– entzückend! Man hat das Gefühl hinter die Kulissen des mondänen New York blicken zu können.
Eine Frage der Höflichkeit nimmt den Leser an die Hand und zeigt ihm die schönsten und traurigsten Seiten New Yorks, sensibilisiert Männer für die Einhaltung der wichtigsten Höflichkeitsregeln und Frauen für die Probleme, die charmante Männer mit sich bringen können. Jeder, der gute Unterhaltungsliteratur schätzt, sich in langen Beschreibungen New Yorks verlieren will und begierig darauf ist alles über die dreißiger Jahre dieser Stadt zu lernen, wird dieses Buch lieben. Berührt einen die Komposition „Autumn in New York“ von Vernon Duke, so wird einen auch der Roman berühren und verzaubern.
| Amor Towles: |
| Eine Frage der Höflichkeit |
| Übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel |
| Graf Verlag, München 2011 |
| 414 S., 19,99 Euro |

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