Alle Jahre wieder…
12. May 11: … und doch eine Premiere! Ein Kommentar zum Eurovision Song Contest 2011 | Martin Müller
So schnell vergeht ein Jahr. Wo sind nur all die Euphorie, der Nervenkitzel und das Fiebern geblieben? – Irgendwo zwischen Alltag und anderen Katastrophen verloren wir Lena Meyer-Landrut recht bald aus den Augen, obwohl eine ganze Nation kaum zu bändigen war, als die bis dato recht unbefleckte Hannoveranerin nicht nur Deutschland sondern ganz Europa verzauberte. Der Grand Prix-Sieg kam nach Deutschland, wehende Fahnen säumten die Straßen, Hupkonzerte, wie wir sie nur vom Fußball her zu kennen glaubten und ein Ruck von feuchtfröhlicher Ausgelassenheit und Freude regten die sonst eher trübsinnige deutsche Seele an.
Doch dann das Infernal: Mission Titelverteidigung wurde als Credo ausgerufen, um der Welle der Begeisterung noch etwas mehr Saft zu entziehen und der etwas stoisch wirkenden Lena mehr Futter zu verleihen. Schnell wurde 2010 noch eine Mammut-Tour aus dem Boden gestampft, viel zu große Arenen angemietet und eine nicht gerade bemerkenswerte Platte ausgenudelt. Dann trat die große Ruhe vor dem Sturm ein und Lena geriet zeitweilig ins Dunkel der Vergessenheit. Aber leider Gottes holt einen die Vergangenheit immer wieder ein und das verkündete Credo Titelverteidigung musste wohl oder übel in die Tat umgesetzt werden. Dass wir wieder Lena ans Mikro schicken würden, stand fest, wie das Ganze nun umgesetzt werden sollte, war nicht klar. Aber auf die Kreativität des Showmasters Stefan Raab ist Verlass, als er groß inszenierte Shows vom Stapel ließ, deren einziger Inhalt die Wahl eines Titels für den Grand Prix 2011 sein sollte. So musste sich eine Nation zwischen sage und schreibe zwölf Songs entscheiden, die natürlich als gesammeltes Werk auf CD gebannt wurden. Ein womöglich anfänglich vorhandenes Interesse am Fortschreiten dessen, was kommen möge, wurde bald in ein Gefühl von Langeweile verwandelt. Bei aller Liebe, aber zwölf Songs von ein und derselben recht ‚eigenen‘ Stimme dargeboten zu bekommen, ist schon ein schwerer Test für das Nervenkostüm, doch dann auch noch zu vernehmen, dass gefühlte 90 % gleich klingen, schon nervtötend.
Immerhin fiel die Wahl auf das kleinere Übel, als sich per Voting wiedermal ‚ganz Deutschland‘ dazu durchrang, „Taken by a Stranger“ zu küren. Wie das ganze dann in Europa ankommen mag, bleibt fraglich. Insgeheim eilt aber eine dunkle Ahnung voraus, denn die Magie des Moments des letzten Jahres ist verflogen. Die damalige Konkurrenz konnte mit dem gewohnten Einheitsbrei aus Eurotrash und schmalzigen Balladen gegen Lena nicht ankommen, wie auch ihrem seltsam eigenwilligen Charme. Doch wie soll sich eine derartig einzigartige Aura noch erhalten lassen?
Zweifelnde Hoffnung
Wohl gar nicht! Es hat sich ‚ausge-Lenat‘ und die einzige Magie, die sich noch halten will, ist die Hoffnung, nicht wieder ganz am Ende zu landen. Dies sollte durchaus drin sein, aber wie sich die Karriere des „Satellite“-Nachtigallchen nach der großen Show entwickeln wird, steht in den Sternen. Denn eigentlich ist Lena einzig und allein ein Grand Prix-Girl und als kaum etwas anderes aufgebaut worden. Gerade mal „Satellite“ und die aktuelle Single und ‚Hoffnung‘ „Taken by a Stranger“ bekamen öffentliche Aufmerksamkeit, auch wenn die dazugehörigen Alben durchaus Absatz fanden. Doch von der in anderer Hinsicht gern gesprochenen Nachhaltigkeit mangelt es dem sonst so kalkulierenden Stefan Raab mit seinem Lieblingsprojekt Lena.
Gleich einem Schmuckstück besonderer Art, wird Lena kurz poliert, um darzustellen und dann nach Gebrauch wieder in der Vitrine zu verschwinden. Sicherlich würde man ihrem nicht gerade großen Gesangs-Talent viel Aufmerksamkeit schenken, wenn sie nicht zu diesem einen Zwecke erschaffen worden wäre. Lena bietet so mal wieder ein Paradebeispiel, wie man Menschen pushen kann, um sie gleichzeitig bis auf das Letzte auszusaugen.
Aber selbst, wenn sie das Ganze gewinnen sollte, wird ihr wahrscheinlich kaum mehr bleiben als ein Titel der Siegerin, die aber nie mehr werden kann und soll. Eine Statue eines Erfolges, der wohl mehr oder weniger ihr Leben kennzeichnen wird. Traurig und schaurig zu gleich!
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