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Wenn Philosophie auf Religion trifft

29. Mar 10: Alejandro Amenábars Sandalenfilm Agora – Die Säulen des Himmels | Martin Müller

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Bei in der Antike spielenden Filmen, die nunmehr fast schon ironisch den Namen ‚Sandalenfilm‘ tragen, assoziiert man schnell ein von Pathos und großen Gesten geprägtes Epos. Seit den Anfängen solcher Epen wie Ben Hur und letztlich auch Gladiator waren sie von inhaltsschwangeren Moral- und Ehrbegriffen überladen, die mit ihren monumentalen Kulissen kongruierten. Nun wagte sich Alejandro Amenábar, bekannt unter anderem durch den Oscar prämierten Film Das Meer in Mir und The Others, an dieses Genre. Doch ist sein Anliegen weniger die große Kulisse im antiken Gewand, sondern mehr die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau in einer von schwelenden Religionskonflikten geprägten Zeit. Freilich sind die Schauplätze des antiken Alexandrias um 400 n. Chr. imposant in Szene gesetzt und auch die episch ausladenden Bilder haben genügend Raum, aber die Geschichte um Hypatia von Alexandria als stählernes Bollwerk der Menschlichkeit gegen den aufkeimenden Fatalismus und Fundamentalismus beeindruckt durch ihre Intensität und beeindruckende Kameraführung.

Alexandria im Jahre 391 ist Teil des römischen Imperiums, welches nunmehr von einem christlichen Imperator regiert wird. Die kluge wie schöne Philosophin Hypatia lehrt an der hiesigen Bibliothek Mathematik und Astrologie. Sie ist eine starke Frau, frei und unabhängig, geprägt von der Philosophie und Vernunft mit einem humanistischen Herzen. Ihr Sklave Davus und ihr Schüler Orestes sind in sie verliebt, doch ohne Aussicht ihr Herz zu gewinnen. Zudem kommt es zu Ausschreitungen zwischen „Heiden“ und Christen, die zur Besetzung der Bibliothek und schließlich der Zerstörung des Wissens in Form der Schriftrollen durch die Christen führen. In den Wirren der Auseinandersetzungen entscheidet sich Davus gegen seine Herrin und kämpft für die Christen. Berauscht von diesen Kämpfen, bedrängt er Hypatia, um ihr seine Liebe zu zeigen. Sie vergibt ihm dieses und schenkt ihm schlussendlich Freiheit. Jahre vergehen und der einstige Schüler Orestes ist nun Stadthalter und Christ. Hypatia ist ihm nunmehr eine teure Beraterin. Während sie weiter an ihrer Theorie zur Konstellation der Sterne, am Heliozentrischen Weltbild und der Frage nach dem Zentrum des Universums arbeitet, brechen immer wieder religiöse Konflikte aus. Nun richten sie sich hauptsächlich gegen die Juden, aber es geht daneben auch um Macht. Dies spürt vor allem Orestes, als ihm die Freundschaft zu Hypatia langsam zum Verhängnis wird. Bischof Cyril ist der schöne Freigeist ein Dorn im Auge und er zwingt Orestes sich zwischen seinem Glauben und Hypatia zu entscheiden. Aber die willensstarke Hypatia lässt sich nicht unterjochen und bleibt ihrem Glauben, der Philosophie, treu, was ein furchtbares Schicksal bestimmt.

Mit sensiblem Blick zeigt Amenábar, welch grausame Kraft aus Ideologien entsteigen kann. In diese Szenerie bettet er seine Protagonistin, die brillant von Rachel Weisz gespielt wird, ein. Immer wieder blendet der Film in ihre Forschungen über, die Gedanken um die Konstellation der Erde, ihrer Umlaufbahn und der Frage, welcher Himmelskörper nun im Zentrum steht. Dazu lässt Amenábar die Kamera immer wieder in den Orbit schwenken, zeigt die Kleinheit der Menschen und der Erde im kosmischen Gesamten. Sein politisches Anliegen um die Kirchengeschichte, ihrer teils grausamen Lynchpolitik zur Durchsetzung des ‚wahren‘ Glaubens bildet natürlich ein zentrales Thema. Bisweilen hat der Film mit einigen Längen zu kämpfen und besonders im Schluss neigt auch Amenábar zu etwas übertriebenen Gesten. Doch geht besonders der Schluss mit seiner brutalen Grausamkeit unter die Haut und zeigt nochmals eindringlich die Absurdität, wenn Glaube und Macht verwischen. Zudem stellt Amenábar eine Frau in den Mittelpunkt seiner Geschichte, was bei ‚Sandalenfilmen‘ weiß Gott nicht üblich ist. Und er tut gut daran. Insgesamt unterscheidet sich Agora in Länge und Kulissen nicht viel von anderen Filmen dieses Genres und doch kann er sich abheben, indem er eben nicht, wie die Masse solcher Produktionen, in ein typisches Heldenepos verfällt.

Website zum Film mit interessanten Features

 

Agora – Die Säulen des Himmels
Mod Producciones, Spanien/USA 2009
Regie: Alejandro Amenábar. Drehbuch: Alejandro Amenábar, Mateo Gil
Hauptdarsteller u.a.: Rachel Weisz, Max Minghella, Oscar Isaac
127 Min. Dt. Filmstart: 11.03.2010, FSK: ab 12 Jahren

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