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Betörend schöne Bilder eines Dramas

15. Apr 10: Tom Fords Regiedebüt nach der gleichnamigen Romanvorlage A Single Man | Martin Müller

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Dass Künstler sich gemeinhin nur selten in den Grenzen ihrer eigenen Profession bewegen, ist nichts Neues. So werden Schauspieler zu Sängern und umgekehrt. Nun wagt sich auch Tom Ford hinter die Kamera, nachdem er die Modewelt von Gucci rettete und später auch die Geschicke der Marke Yves Saint Laurent leitete, bis er sein eigenes Label gründete. Gefeiert und teilweise vergöttert suchte sich Ford den scheinbar vergessenen Roman A Single Man (Der Einzelgänger) von Christopher Isherwood aus und gab diesem wunderbaren Werk ein ästhetisches Gewand in grandiosen Bildern. Dabei schafft er es, den Bilderrausch mit der Komplexität des Charakters des vermeintlichen Einzelgängers George einzufangen. Die von Isherwood im Roman vorgegebene Zeitspanne eines Tages behält Ford bei, jedoch erlaubt er sich eine vom Roman abweichende Konzeption der Hauptfigur.

Anders als im Buch stellt Ford den Unfall von Jim, Georges Partner, voran. George (Colin Firth) erwacht und beschreibt selbst seine Ichwerdung. Dann schwenkt die Geschichte zurück auf den Anruf, der sein Leben so schlagartig verändert. Jims Cousin berichtet ihm vom Unfalltod des Geliebten und teilt ihm gleichzeitig mit, dass seine Anwesenheit bei der Beerdigung nicht erwünscht ist. Zurück zum 30. November 1962: George befindet sich auf dem Weg zur hiesigen Universität, an der er als Literaturprofessor unterrichtet. Er ist geplagt von Depressionen und hat seinen Revolver dabei. An der Universität sieht er während eines Gesprächs mit einem Kollegen zwei junge halbnackte Männer Tennis spielen, folgt ihren Bewegungen und ihrer Anmut. In der Vorlesung lässt er sich hinreißen, ein Plädoyer gegen den Hass auf Minderheiten zu halten, wie einen Selbstbezug auf sein Leben. Bevor er zu seiner besten Freundin Charlotte (Julianne Moore) aufbricht, versucht er sich zu Hause das Leben mit dem Revolver zu nehmen, doch er kann es nicht. Mit Charlotte trinkt und tanzt er, ist unbeschwert. Am späteren Abend trifft er auf Kenny, einen seiner Studenten, und springt mit ihm voll Übermut nackt in den Ozean. Dabei verletzt sich George am Kopf und nimmt kurzerhand Kenny mit zu sich, wo eine seltsam erotische Spannung zwischen beiden entsteht. Doch George schläft ein und erwacht später, sieht Kenny bei sich auf dem Sofa schlafen. Er hat den Revolver an sich genommen, denn er scheint Georges Pläne durchschaut zu haben. Doch gelten diese Pläne jetzt nicht mehr und George verschließt die Waffe.

Ford verändert nicht nur seine Hauptfigur im Vergleich zur Vorlage, sondern fügt passend Szenen ein und erschafft so eine ganz eigene Geschichte. Geprägt von Fords Stilbewusstsein, zeigt sich ein Mann, der nach außen souverän und verborgen bleibt. In einem grau überlagerten Farbbild bricht dann und wann die Farbe durch, wenn George seinen Panzer ablegt, das fragile Gerüst der Fassade bricht. In diesen Momenten erblicken wir den echten George, seine Gefühle und Sehnsüchte. Dazu bedient sich Ford verführerischer Nahaufnahmen oder intimer Blicke in ein vergangenes Glück. Perfekt erschafft Ford eine Szenerie der vollkommenen Sechziger Jahre mit makelloser Ästhetik, ohne jedoch die Spannung zwischen George und seinem Umfeld aus den Augen zu verlieren. Zu Recht ausgezeichnet, vermittelt Colin Firth authentisch diese innere Zerrissenheit. Die Bilder und Schauspieler bilden so eine perfekte Symbiose mit einer wahrhaft schönen Ausdruckskraft.

Christopher Isherwood - Der Einzelgänger Buchkritik

A Single Man
Artina Films, Depth of Field und Fade to Black Productions, USA 2009
Regie: Tom Ford. Drehbuch: Tom Ford, David Scearce
Romanvorlage: Christopher Isherwood
Hauptdarsteller u.a.: Colin Firth, Julianne Moore, Matthew Goode
99 Min., Dt. Filmstart: 08.04.2010

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