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Freier Fall in die Finsternis

03. Dec 17: AROUND THE WORLD IN 14 FILMS: Lynne Ramsays Drama A Beautiful Day ist eine verstörende Glanzleistung | Dobrila Kontić

Flash is required!

Dass ein Film auf einem renommierten Festival wie Cannes von den Kritikern gefeiert und ausgezeichnet wurde, muss nicht unbedingt heißen, dass sich diese Begeisterung auch aufs Kinopublikum übertragen wird. Viel größer ist die Gefahr, dass die Erwartungen ins Unerfüllbare hochgeschraubt und anschließend unterlaufen werden – wie zum Beispiel beim etwas bemüht wirkenden The Square, dem diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme. Doch die gestrige Vorstellung von Lynne Ramsays A Beautiful Day im Rahmen des Around the World in 14 Films-Festivals in Berlin zeigte, dass in den minutenlangen Standing Ovations von Cannes keinesfalls überreagiert wurde: Dieser Film ist auf unerwartete Weise brutal und mitreißend – und ein außergewöhnliches visuelles Erlebnis.

Gebrochener Auftragskiller

Dabei hat man zu Beginn das Gefühl, einen besonders düsteren Action-Thriller zu sehen: Joe (Joaquin Phoenix), ein nicht mehr junger Mann mit Rauschebart und bedrohlich wirkender Bulligkeit, ist der Typ, den man engagiert, wenn man die Polizei nicht einschalten will. Mit sorgfältiger Planung und brachialer Gewalt (sein Instrument: ein Hammer) rettet er gegen Bares entführte Kinder. Die ersten Szenen zeigen ihn nach solch einem Fall und lassen uns anschließend in seinen Alltag eintauchen. Er kümmert sich um seine senile Mutter, plant seine nächsten Aufträge und widersteht seinem immer stärker werdenden Todesdrang.

Hinab in die Dunkelheit

Die Gründe für Joes Suizidalität werden nie explizit erläutert sondern nur im Visuellen angedeutet: Immer wieder werden prägnante Momentaufnahmen aus seiner Vergangenheit eingeblendet – zunächst nur kurz und als nicht zuzuordnende Detailaufnahmen. Als ihn sein neuester Fall in die höchsten Regierungskreise führt und er beauftragt wird, die Tochter eines Gouverneurs aus den Fängen eines Kinderprostitutionsrings zu retten, fügen sich die Bilder aus Joes Vergangenheit nach und nach zusammen.

Sie lassen uns erkennen, dass das Grauen der Handlungsebene auf einer schon lange bestehenden Düsternis aufbaut: Joes Innenleben ist von unverarbeiteten Traumata, tiefen Verletzungen und Verzweiflung gezeichnet. Ohne erklärende Dialoge oder längere Rückblenden erfahren wir, warum Joe dieses Leben führt und wahrscheinlich nur ein solches führen kann. Die schottische Drehbuchautorin und Regisseurin Lynne Ramsay (We Need to Talk About Kevin) vertraut darauf, dass man sich als Zuschauer aus ihren mitunter düster-poetischen Bildern einen Reim machen kann. Und tatsächlich entfalten diese eine Sogkraft, die einen tief in die Geschichte eintauchen lässt. Das übrige tut der vom Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood komponierte Elektro-Soundtrack, der das gezeigte nicht wie sonst üblich untermalt, sondern eine ganz eigene Erzählung von Betäubung und hervorbrechender Verzweiflung vorantreibt.

Wider alle Erwartungen

Wo man aber sonst mit Langatmigkeit rechnen würde, schafft es Ramsay wie ganz nebenbei mit A Beautiful Day auch einen packenden Thriller zu erzählen, der immer mit Erwartungen bricht: So weicht sie etwa geschickt der expliziten Gewaltdarstellung aus – die Kamera hält niemals direkt drauf, sondern zeigt uns vielmehr die Konsequenz aller rabiaten Handlungen. Damit schafft sie es, den Fokus auf der eigentlichen Brutalität von unbewältigten Traumata zu halten. Und diese ist das wirklich verstörende und mitreißende an diesem Film, von dem man sich kurz erholen muss – um ihn dann am liebsten nocheinmal zu sehen. Ein großartiges visuelles Erlebnis und krönender Abschluss für das Around the World in 14 Films, das sich in seiner diesjährigen Filmauswahl selbst übertroffen hat.

A Beautiful Day (You Were Never Really Here)
Why Not Productions, Frankreich / Großbritannien / USA 2017
Regie & Drehbuch: Lynne Ramsay
Besetzung: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Alessandro Nivola, John Doman, Alex Manette, Judith Roberts
95 Min. Gesehen auf dem Festival Around the World in 14 Films
Deutscher Kinostart: Frühjahr 2018

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