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Entwaffnender Road-Trip

08. Feb 15: BERLINALE 2015 – Panorama: Gabriel Ripsteins spannendes Schmuggler-Drama 600 Millas | Dobrila Kontić

Aus europäischer Sicht mutet es schon sehr befremdlich an, wie einfach sich der Erwerb einer Schusswaffe in den USA doch gestaltet: Zu Beginn von Gabriel Ripsteins Spielfilm 600 Millas sehen wir einen sehr jungen Mann ein Kaufhaus betreten und gezielt zur Waffenabteilung gehen. Dort wird er sehr zuvorkommend behandelt und beraten, als ginge es um ein Haushaltsgerät – nur einmal schlägt der Verkäufer (der, so bestätigt Ripstein auf der Pressekonferenz, von einem ‚echten‘ Waffenverkäufer dargestellt wird) auf eine Frage des jungen Kunden einen strengen Ton an: Militärische Schusswaffen dürften sie nicht verkaufen – aber ansonsten ist alles zu haben, was für die ‚Jagd‘ geeignet ist.

Schmuggler und Blender

Der junge Amerikaner, der sich hier informiert, steckt mit dem ebenso jungen Mexikaner Arnulfo (Kristyan Ferrer) unter einer Decke: Die beiden erwerben legal Waffen, die Arnulfo dann mit dem Auto von Arizona über die leidlich kontrollierte Grenze nach Mexiko bringt. Dort ist sein Onkel führendes Mitglied eines Drogenkartells, dem Arnulfo seit kurzer Zeit als Schmuggler angehört. Arnulfo, ein scheinbar gerade der Pubertät entwachsener Jüngling mit sanften Gesichtszügen, strengt sich sehr an, um diesen Quereinstieg zu meistern – an einem seiner freien Tage kauft er von seinem Schmugglerlohn ein teures Geschenk für den Neffen und stellt sich auf der Geburtstagsfeier übereifrig den Kollegen seines Onkels vor – er will dazugehören, wohl auch, weil ihm bewusst ist, was für eine Außenseiterposition er in Wirklichkeit hat. Eine etwas zu klare Schlüsselszene vorm Spiegel macht deutlich, dass Arnulfo sich zu Männern stärker hingezogen fühlt, als es für die mexikanische Mafia wohl akzeptabel wäre. Dieses scheinbare Geheimnis versucht er mit einer kalten Miene und mackerhaftem Gebaren zu verbergen, wobei Darsteller Kristyan Ferrer immer wieder gekonnt durchscheinen lässt, wie vergeblich diese Bemühung doch ist.

Ungewisses Ziel, pointiertes Ende

Während Arnulfo und sein amerikanischer Freund den Waffenkauf immer routinierter und unbekümmerter angehen, wird Agent Hank Harris (Tim Roth) auf sie aufmerksam. Hank arbeitet für das ATF (amerikanische Polizeieinheit für „Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives“) und kennt sich aus mit dem Schmuggelverkehr nach Mexiko. Er ertappt Arnulfo und seinen Freund auf frischer Tat, wird aber von letzterem überwältigt. Alleingelassen und völlig überfordert mit der verzwickten Situation, entschließt sich Arnulfo, den bewusstlosen Hank über die Grenze zu seinem Onkel zu bringen – eine Fahrt von 600 Meilen, dessen Ziel für beide Männer mehr als ungewiss ist.

600 Millas ist ein nüchtern erzähltes Drama über das Aufeinanderprallen zweier Charaktere mit sehr gegensätzlichen Lebenswegen, die eigentlich nichts miteinander verbindet. Die Verbindung, die sich dennoch auf der langen Fahrt zwischen ihnen entwickelt, fußt auf dem nicht in beiden Männern gleichermaßen entwickelten Hang zur Verstellung. Ein spannender Film mit einem pointierten Ende!

600 Miles (600 Millas)
Mexiko 2015
Regie & Drehbuch: Gabriel Ripstein
Hauptdarsteller: Tim Roth, Kristyan Ferrer, Noé Hernández
85 Min. Berlinale 2015 – Panorama

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