FeatureFilm

BERLINALE 2021 – Tag#5

Meinen letzten Berlinale-Tag habe ich mit dem britischen Horror-Drama Censor und dem ungewöhnlichen Doku-Projekt Una película de policías verbracht.

PANORAMA: Censor

Censor ist das Spielfilm-Debüt der britischen Regisseurin Prano Bailey-Bond und fokussiert den Umgang mit sogenannten ‚Video Nasties‘ in Großbritannien zu Mitte der 1980er. Aufgrund steigender Kriminalitätraten kochten zu Beginn der 1980er in Großbritannien Diskussionen um den vermeintlichen Verfall moralischer Werte hoch, was sich am Horrorfilm-Genre entlud. Ab 1984 mussten Horrorfilme mit expliziter Gewaltdarstellung vom British Board of Film Classification geprüft werden, das darüber entschied, ob diese (zum Teil mit erheblichen Kürzungen) erscheinen durften oder auf dem Index verbotener Filme landeten.

Bei ebendieser Zensurbehörde ist Protagonistin Enid (Niamh Algar) angestellt. Tagaus, tagein schaut sich Enid gemeinsam mit ihren Kollegen Horrorfilme mit expliziten Gewaltszenen an und entscheidet darüber, welche Szenen geschnitten und welche Filme gänzlich verboten werden. Während die meisten ihrer Kollegen ihren Job nur leidlich ernst nehmen, glaubt Enid mit ihren Entscheidungen Menschen schützen zu können. Diese Einstellung hängt vermutlich mit dem Jahrzehnte zurückliegenden, spurlosen Verschwinden ihrer kleinen Schwester Nina zusammen. Als Enids Erinnerung an ihre Schwester durch eine Horrorfilmszene neu entfacht wird, geht sie dem nach und findet sich bald in einer tieferen Auseinandersetzung mit dem verfemten Genre wieder.

Mit gedämpften Farben, klaustrophobischer Szenerie und realen Diskussionsmitschnitten lässt Censor eine Zeit innerhalb der Thatcher-Ära wiederaufleben, in der eine regelrechte Hysterie bezüglich fiktionaler Gewaltdarstellungen um sich griff. Auf intensive, aber subtile Weise setzt sich Regisseurin Bailey-Bond mit dieser auseinander und forscht dem „Horror in uns“ nach. Censor entwickelt sich zum spannenden Spiel mit fiktionalen Ebenen und wird so zum kraftvollen und sehenswerten Plädoyer gegen Zensur. Da verzeiht man auch gern, dass die Horrorelemente dieses Films etwas zahm und vorhersehbar ausfallen.

Censor

Großbritannien 2021
REGIE: Prano Bailey-Bond
DREHBUCH: Prano Bailey-Bond, Anthony Fletcher
KAMERA: Annika Summerson
BESETZUNG: Niamh Algar, Michael Smiley, Nicholas Burns, Vincent Franklin, Sophia La Porta
84 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – PANORAMA

culturshock-Wertung: 7/10

WETTBEWERB: Una película de policías / A Cop Movie

2018 präsentierte der mexikanische Regisseur Alonso Ruizpalacio seinen äußerst sehenswerten tragikomischen Film Museo über einen misslungenen Kunstraub zweier Studenten im Berlinale-Wettbewerb. Nun meldet er sich zurück mit dem für Netflix produzierten Film Una película de policías, einem interessanten Hybrid aus Doku und Fiktion.

Zunächst bringt uns Una película de policías den Arbeitsalltag der Polizistin Teresa (Mónica Del Carmen) in Mexiko-Stadt näher. Zu Beginn sehen wir sie an einem äußerst dramatischen Abend bei einer Entbindung helfen, weil die Notfallsanitäter seit Stunden auf sich warten lassen. Elegant gleitet die Off-Kommentierung von Teresa in dokumentarisch erscheinende Aufnahmen und symbolträchtig fokussierte Details über. Auf gleichermaßen kunstvolle Weise wechselt die Erzählung daraufhin die Perspektive und lässt José (Raúl Briones), den Kollegen und Lebenspartner von Teresa, von seinen Erfahrungen berichten. Erst nach der Hälfte des Films gelangen wir zum eigentlichen Clou dieses Erzählprojekts: Die Schauspieler Mónica und Raúl haben sich zur Vorbereitung dieser Rollen in diverse Polizeiakademien geschlichen, Ausbildungsetappen absolviert und mit Polizisten gesprochen. Ihre Vorannahmen zur mexikanischen Polizei und ihre im Videotagebuch festgehaltenen Erkenntnisse finden auch Eingang in diesen Film, der schließlich das ‚echte‘ Polizisten-Liebespaar zu Wort kommen lässt.

Mit dieser ungewöhnlichen Herangehensweise setzt Ruizpalacio sich intensiv mit der als besonders korrupt und ehrlos geltenden mexikanischen Polizei auseinander. Während man im Verlauf von Una película de policías noch ins Grübeln kommt, worauf dieser spannende Mix hinausläuft, liefert das die Außenansicht verlassende Ende unverhofft aufschlussreiche Erkenntnisse, was Mexikaner*Innen in diesen Berufsstand treiben mag. Ein ungewöhnliches, sehenswertes Filmprojekt.

A Cop Movie

(Original: Una película de policías)
Mexiko 2021
REGIE: Alonso Ruizpalacios
DREHBUCH: Alonso Ruizpalacios, David Gaitán
KAMERA: Emiliano Villanueva
BESETZUNG: Mónica Del Carmen, Raúl Briones
107 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – WETTBEWERB

culturshock-Wertung: 7/10

Share: