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BERLINALE 2021 – Tag#3-4

Ich und die anderen, Kelti und Je suis Karl – die weiteren Berlinale-Tage führten in eine unvorhersehbare Identitätssuche, auf eine Geburtstagsfeier in den 90ern und schließlich zum für mich bislang enttäuschendsten Festivalbeitrag.

SERIES: Ich und die anderen, Snöänglar

Selbst nach über 30 Jahren in der Welt noch nicht zu wissen, wer man ist, was man vom Leben und vor allem von den Menschen im eigenen Leben eigentlich will, ist tragisch, aber auch ungeheuer unterhaltsam, wenn sich der österreichische Schriftsteller und Regisseur David Schalko dieses Problems annimmt. Seine sechsteilige Serie Ich und die anderen katapultiert uns ohne jegliche Einführung in ein interessantes Gedankenspiel, das wir ebenso wie der Protagonist Tristan (Tom Schilling) zunächst nicht zu fassen kriegen: In der ersten Episode wissen all seine Mitmenschen alles über ihn, kennen seine Vorlieben, seine geheimsten Gedanken und Erfahrungen. Dies ist zugleich unangenehm und witzig aber nur das erste Kapitel in einer Reihe bevorstehender Experimente. Denn bald findet Tristan heraus, dass ihm bezüglich seines Verhältnisses zu seinen Mitmenschen alle Wünsche von einem mysteriösen Taxifahrer erfüllt werden. Also wünscht er drauflos und wir erleben mit, wie jeder Wunsch neue Problemfelder eröffnet, Tristan näher und dann auch wieder ganz weit weg von sich selbst führt.

Ich hatte sehr viel Spaß mit Ich und die anderen, weil sich diese Serie einer klaren Genrezuordnung gänzlich verschließt, einfach unvorhersehbar und hervorragend besetzt ist – unter anderem mit Sophie Rois und Lars Eidinger in wirklich unvergesslich komischen Rollen. In diesem Fall wurden beim Online-Screening tatsächlich alle sechs Episoden zur Verfügung gestellt. Da Schalkos Serie aber in der zweiten Hälfte in völlig neue, von allen Seiten befeuerte Sphären bezüglich Tristans Identitäts- und Sinnsuche vordringt, muss ich mir das ganze nochmal in Ruhe anschauen, wenn Ich und die anderen im Sommer auf Sky erscheint.

Nordic Noir-Krimigeschichten haben mich bislang nur mäßig interessiert, aber die sechsteilige Serie Snöänglar (deutsch: Schneeengel), erdacht von der dänischen Drehbuchautorin Mette Heeno könnte dies nachhaltig ändern. Von Beginn an besticht dieser Krimi durch seinen blanken Realismus und zugleich sehr empathischen Blick auf die Figuren – und der im Mittelpunkt stehende Fall hat es auch in sich:

Jenni (Josefin Asplund) wird von ihrer Tochter Nicole am Weihnachtsmorgen geweckt und muss schockiert feststellen, dass von ihrem 5 Wochen alten Sohn Lucas und ihrem Mann Salle jede Spur fehlt. Dies ruft Alice (Eva Melander) auf den Plan, eine resolute Polizeidetektivin, die alles daran setzt, das Baby zu finden, zugleich aber selbst private Dramen zu verkraften hat. Und auch Maria (Maria Rossing), eine dänische Krankenschwester, die erst vor kurzem nach Stockholm gezogen ist, hat einige schwere Päckchen zu tragen. Im weiteren Verlauf zeigt uns Snöänglar in Rückblenden, was diese drei Frauen miteinander und dem Fall des verschwundenen Säuglings verbindet. Dabei kreisten die ersten beiden gezeigten Episoden die düsteren Seiten von Mutterschaft. Bis hierhin ein wirklich sehr unaufgeregt und zugleich spannend inszenierter Serienstoff, von dem ich gern mehr sehen möchte.

SPECIAL: Limbo

Vielversprechend begann Limbo, ein düsterer Thriller in Schwarz-Weiß, der eine schaurige Mordserie in Hong Kong fokussiert: Seit Monaten ist Polizeidetektiv Cham (Ka Tung Lam) einem Serienmörder auf der Spur, der zunächst nichts als die abgetrennten linken Hände seiner Opfer hinterlässt. Cham wird der strebsame Polizeineuling Will Ren (Mason Lee) an die Seite gestellt, der sich bald an Chams brutalen Verhör- und Verfolgungsmethoden stört. Vor allem im Umgang mit der jungen Kleinkriminellen Wong To (Hanna Chan) verliert Cham jegliche Fassung.

Was es damit und mit der Identität des Serienmörders auf sich hat, enthüllt der weitere Verlauf von Limbo schrittweise. Dabei ist dieser Thriller durchsetzt von atemlos und packend inszenierten Verfolgungsjagden und Kämpfen in dem aus Vogelperspektive gefilmten Straßenlabyrinth Hong Kongs. Sobald es aber um Chams Vergangenheit und die emotionalen Konflikte des Figurentrios geht, verfällt Limbo schnell in eine schwer zu ertragende Melodramatik, die leider die Inszenierungsstärke und das düstere Ambiente wieder zunichtemacht.

Limbo

Hong Kong/China 2021
REGIE: Soi Cheang
DREHBUCH: Kin-Yee Au
BESETZUNG: Hanna Chan, Hiroyuki Ikeuchi, Ka Tung Lam, Mason Lee, Fish Liew, Yase Liu
118 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – SPECIAL

culturshock-Wertung: 6/10

PANORAMA: Kelti

Wie ein zusätzlicher, unsichtbarer Partygast fühlt man sich in Milica Tomovićs tragikomischen Film Kelti. Er spielt in Belgrad, 1993, als ein erbitterter Krieg im zerrütteten Jugoslawien tobt und der Alltag in Serbien von Sanktionen und Inflation geprägt ist. Die zweifache Mutter Marijana (Dubravka Duda Kovjanić) versucht das Beste aus der Situation zu machen und bereitet die Geburtstagsparty für ihre kleine Tochter Minja vor. Zu dieser erscheinen nicht nur zahlreiche Kinder, sondern auch Freunde und Geschwister von Milica und ihrem Mann. An diesem Abend wird eifrig über den Krieg, Schuld, Beziehungsprobleme, Zukunftsaussichten, Gott und die Welt hergezogen, getrunken, gestritten, sich wieder vertragen und unentwegt geraucht. Einiges an Konflikten kommt an die Oberfläche, anderes wird beiseite gewischt oder ignoriert, etwa Marijanas Probleme mit ihrem Mann oder die Verschlossenheit ihrer älteren Tochter.

Tomović präsentiert einen nachdenklichen Film, der uns für eine Nacht in eine unbegreifliche Zeit versetzt, zu Figuren, die sich der Gegenwart ausgeliefert fühlen und sie dennoch trotzig ertragen. Mit einer geschickt durch die Räume stolpernden Kameraführung, dynamisch eingefangenen Gesprächsfetzen und längeren Dialogen gelingt es Kelti, längst Vergangenes, aber noch immer Nachwirkendes lebhaft einzufangen. Empfehlenswert.

Kelti

Serbien 2021
REGIE: Milica Tomović
DREHBUCH: Milica Tomović, Tanja Šljivar
KAMERA: Dalibor Tonković
BESETZUNG: Dubravka Duda Kovjanić, Stefan Trifunović, Katarina Dimić, Anja Đorđević, Olga Odanović, Konstantin Ilin
106 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – PANORAMA

culturshock-Wertung: 8/10

SPECIAL: Je suis Karl

Und schließlich muss ich meiner Enttäuschung vom vierten Berlinale-Tag Luft machen. Zunächst schien es so, als hätten Drehbuchautor Thomas Wendrich und Regisseur Christian Schwochow ein vieldiskutiertes Thema in eine fesselndes Erzählung überführt: Eine Paketbombe explodiert in einem Berliner Wohnhaus und fordert zehn Todesopfer. Darunter befinden sich die Ehefrau von Alex Baier (Milan Peschel) und ihre kleinen Zwillingssöhne. Lediglich seine Teenagertochter Maxi (Luna Wedler) ist Alex geblieben und gemeinsam versuchen sie, die erste Trauerphase zu bewältigen. Doch Maxi verliert bald die Fassung über die kaum voranschreitende Aufklärung des offensichtlich islamistisch motivierten Anschlags und die Beschwichtigungsversuche ihres Vaters. Im jungen Karl (Jannis Niewöhner) findet sie die Zuflucht, die sie gerade sucht – er führt sie in eine Bewegung, die ein „neues Europa“ heraufbeschwören will.

Es ist mir ein Rätsel, wie ein Film so vielversprechend und spannungsgeladen abheben und dann in solch ein flaches, uninteressantes Erzählkonstrukt stürzen kann. Dass sich die Jugendbewegung, in die Karl Maxi hineinzieht, bald als neo-faschistische Organisation entpuppt, ist nicht verwunderlich – und die Protagonistin sollte sie als solche auch sofort durchschauen können. Dass dennoch darauf verzichtet wird, zu erklären, wie eine von einer sehr linksliberalen Familie erzogene, Kate Tempest-hörende und trotz ihrer Trauer nicht hasserfüllte Teenagerin sich von solch einer Organisation einfangen lässt, ist irritierend. Lieber legt Je suis Karl ncoh ein paar Schippen drauf: Ein früher Twist enthüllt die Verbindungen zwischen der rechten Jugendbewegung und dem Berliner Anschlag. Und dann werden wir in immer abstrusere Szenarien geführt, die weder Sinn noch Verstand haben und das eigentlich interessante aus dem Blick verlieren: Islamistische Anschläge in Westeuropa sind eine traurige Realität, ein diese Anschläge instrumentalisierender und auch dadurch erstarkender Rechtsextremismus leider auch. Diesem Themenkomplex hätte sich ein guter Film mit Fingerspitzengefühl genähert, ohne dafür so ein aufmerksamkeitsheischendes, fades Erzählkonstrukt zu erbauen. Je suis entrüstet.

Je suis Karl

Deutschland/Tschechien 2021
REGIE: Christian Schwochow
DREHBUCH: Thomas Wendrich
KAMERA: Frank Lamm
BESETZUNG: Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Milan Peschel, Edin Hasanović, Anna Fialová
126 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – SPECIAL

culturshock-Wertung: 4/10

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