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BERLINALE 2021 – Tag#1

Ich bin Dein Mensch, Ted K, Tides. Der erste Tag der ‚Digital‘-Berlinale präsentierte unter anderem faszinierende Abhandlungen zum Komplex aus moderner Technologie und Zukunftsangst.

Um gleich mal einen Filmtitel aufzugreifen: Diese Berlinale wird eine andere sein. Das wissen wir seit Dezember, als das zweistufige Konzept für das Filmfestival in diesem Jahr verkündet wurde: Vom 1. bis zum 5. März findet die Berlinale 2021 als rein digitales Presse- und Industry-Event statt und dann im Sommer als Publikumsfestival vor Ort (hoffentlich). Natürlich finde ich es schade, dass man in diesem ersten Schritt kein Festivalflair vor Ort erlebt (das für mich meist aus aufgeschnappten lustigen Gesprächsfetzen, brechend vollen Pressekonferenzen und Gehetze von einem Kino zum anderen bestand – hach!). Und noch mehr betrübt es mich, die Festivalfilme nicht auf der Kinoleinwand zu sehen, für die sie hauptsächlich geschaffen wurden. Aber am ersten Tag dieser ‚Digital‘-Berlinale konnte ich die Wehmut nach üblichen Festivalbedingungen sehr schnell beiseiteschieben – einfach, weil es wieder einen sehr vielversprechenden Mix an Filmen zu sehen gibt. Hier ein Überblick zum gestern von mir Geschauten:

WETTBEWERB: Ich bin dein Mensch

So creepy es auch weiterhin erscheinen mag: Die Produktion humanoider Roboter wird vorangetrieben und es scheint nicht mehr völlig unrealistisch, dass in Zukunft immer mehr Menschen auf sie zurückgreifen werden – vielleicht sogar zu Beziehungszwecken. Genau solch ein Szenario spielt Regisseurin Maria Schrader in Ich bin dein Mensch durch, frei nach der gleichnamigen Erzählung von Schriftstellerin Emma Braslavsky.

In Ich bin dein Mensch sind Beziehungsroboter in täuschend echter humanoider Form auf dem Vormarsch und eine Ethikkommission muss sich mit ihren Rechten auseinandersetzen. Aus diesem Grund wird Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert) von ihrem Vorgesetzten Roger (Falilou Seck) gedrängt, einen auf sie programmierten Beziehungsroboter drei Wochen lang zu testen und ein Gutachten zu verfassen. Widerwillig spielt Alma mit und lernt Tom (Dan Stevens, der auch fließend Deutsch kann) kennen, dessen ausgefeilter Algorithmus nichts weniger als sie wunschlos glücklich machen soll.

Gebannt verfolgt man im weiteren Verlauf, wie sehr sich Alma gegen die charmanten und feinfühligen Avancen von Tom sträubt, aber auch in vielerlei Hinsicht einen anderen Blick auf ihre Persönlichkeit und Menschlichkeit gewinnt. Ich bin dein Mensch nähert sich dem allgegenwärtigen und in immer mehr Büchern, Serien, Filmen verhandelten Thema um humanoide Roboter (hier sei noch ganz speziell Ian McEwans Roman Maschinen wie ich empfohlen) mit so viel Frische, Melancholie und Witz, dass ich ihn sofort nochmal schauen könnte. Zudem ist es wieder erstaunlich, wie viel Schauspielerin Sandra Hüller auch in einer kleinen Rolle einem Film so einhauchen kann. Empfehlenswert!

Ich bin dein Mensch

Deutschland 2021
REGIE: Maria Schrader.
DREHBUCH: Jan Schomburg, Maria Schrader. Nach der Erzählung „Ich bin Dein Mensch“ von Emma Braslavsky
KAMERA: Benedict Neuenfels
BESETZUNG: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch, Falilou Seck
102 Min. Kinostart Deutschland: Unbekannt.
BERLINALE 2021 – Wettbewerb

culturshock-Wertung: 9/10

SPECIAL: Tides

Tides Berlinale

© Gordon Timpen / BerghausWöbke Filmproduktion GmbH

Vor knapp 10 Jahren habe ich Tim Fehlbaums Spielfilmdebüt Hell auf dem Fantasy Filmfest gesehen und war ziemlich angetan: Der den Klimawandel fokussierende Endzeit-Thriller mit Hannah Herzsprung, Lars Eidinger und Stipe Erceg bestach durch eine interessante Figurendynamik, eine bemerkenswerte visuelle Gestaltung und viel Suspense. Sein in der Special-Sektion präsentierter SciFi-Thriller Tides ließe sich als postapokalyptische Fortführung des Themas von Hell verstehen.

Im Vorspann von Tides erfährt man: Nachdem die Erde aufgrund von Kriegen, Pandemien und den Folgen des Klimawandels unbewohnbar geworden ist, brach eine privilegierte Gruppe an Menschen zum Planeten Kepler 209 auf. Zwei Generationen später wurden von Kepler 209 mehrere Astronauten zur Erde zurückgeschickt, um eine mögliche Wiederbewohnbarkeit zu prüfen. Doch nachdem diese verschollen sind, ist es an einer neuen Truppe, die Mission fortzuführen. Nach einer wenig geglückten Landung schlägt sich Astronautin Blake (Nora Arnezeder) einige Meter in einer feuchten, von steter Ebbe und Flut heimgesuchten Einöde vor, bis sie auf die ersten Menschen trifft, die nicht zimperlich mit der Keplerin umgehen. Bald schon kommt Blake aber dem Geheimnis um die verschollene Erstmission auf die Spur.

In bläulicher Düsternis malen die ersten Szenen von Tides das Bild einer verlassenen, sich nur langsam von rückliegenden Katastrophen erholenden Erde. Diese Szenen haben einiges an Spannung zu bieten und lassen unversehens um die an Ellen Ripley aus Alien erinnernde Heldin Blake bangen. Zudem werden in einigen Rückblenden Blakes Back-Story und das Leben auf Kepler 209 näher beleuchtet, bis hin zu den wahren Gründen für die Erdmission. Dabei geht Tides einen deutlichen Schritt weiter, als nur eine Mahnung für unsere immer noch mit dem Klimawandel zaudernde statt beherzt handelnde Gegenwart darzustellen. Fehlbaums Film stellt im Hinblick auf gegenwärtig diskutierte Zukunftsszenarien unbequeme Fragen zum grundsätzlichen Überlebens-, Besiedlungs- und Vermehrungswillen unserer Spezies. Gern hätte ich diese interessanten Punkte noch genauer und ausschweifender behandelt gesehen – letzten Endes konzentriert sich Tides dafür dann doch zu sehr auf den Spannungsbogen, der bis zum Schluss überzeugt.

Tides

Deutschland, Schweiz 2021
REGIE: Tim Fehlbaum.
DREHBUCH: Tim Fehlbaum, Mariko Minoguchi
KAMERA: Markus Förderer
BESETZUNG: Nora Arnezeder, Iain Glen, Sarah-Sofie Boussnina, Sope Dirisu, Sebastian Roché, Joel Basman
99 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – Special

culturshock-Wertung: 7/10

PANORAMA: Die Welt wird eine andere sein

2016 zeigte Regisseurin Anne Zohra Berrached ihr berührendes und sehenswertes Drama 24 Wochen auf der Berlinale, deren von Julia Jentsch gespielte Protagonistin mit dem Thema Spätabtreibung ringen musste. Gleichermaßen schwer wiegt auch die Handlung von Die Welt wird eine andere sein, in dem es um die in Deutschland sozialisierte Frau eines islamistischen Attentäters geht.

In den ersten Szenen zeigt der Film, wie sich die Deutsch-Türkin Asli (Canan Kir) und der vor kurzem aus dem Libanon eingewanderte Saeed (Roger Azar) in den 90ern in Rostocker Uni-Kreisen kennenlernen und bald eine intensive Beziehung beginnen. Diese verheimlicht die ehrgeizige Asli, die schon gegen den Willen ihrer Eltern ein Medizinstudium begonnen hat, lange Zeit ihrer Familie, bis es zu einer niederschmetternden Konfrontation kommt. Die Welt wird eine andere sein behandelt im Folgenden, wie sich die fünfjährige Partnerschaft Jahr für Jahr weiterentwickelt und nicht nur von Aslis Heimlichtuerei, sondern auch von Saeeds zunehmendem religiösen Fanatismus belastet wird. Dabei liegt der Fokus durchgehend auf Asli und deren passivem Umgang mit dem zunehmend besorgniserregenden Verhalten ihres Mannes.

Der Film sei „inspiriert von einer wahren Geschichte“ heißt es im vorangestellten Disclaimer von Die Welt wird eine andere sein, erhebe zugleich aber keinen Anspruch auf eine authentische Wiedergabe der Geschehnisse. Seinem zeitlichen Setting und Saeeds Ausbildungsstationen in Hamburg und Miami entsprechend lässt dieses Drama an die Attentäter vom 11. September denken. Damit wirft der Fokus auf Asli natürlich drängende Fragen zur Mitwisserschaft und -verantwortung auf, die dieser Film stets umkreist, aber niemals klar beantwortet. Die Welt wird eine andere sein zeigt uns eine sich zunehmend in Passivität und Hilflosigkeit zurückziehende Figur, deren (Nicht-)Handeln und Denken bald weder für ihre dargestellte Umgebung nachvollziehbar erscheint, noch im Film genauer ergründet wird. Mit diesem recht oberflächlichen Ansatz der Figurenentwicklung ließ dieser Film mich leider irritiert und ratlos zurück.

Die Welt wird eine andere sein

(Original: Copilot)
Deutschland, Frankreich 2021
REGIE: Anne Zohra Berrached
DREHBUCH: Stefanie Misrahi, Anne Zohra Berrached
KAMERA: Christopher Aoun
BESETZUNG: Canan Kir, Roger Azar, Özay Fecht, Jana Julia Roth, Ceci Chuh, Nicolas Chaoui
118 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – Panorama

culturshock-Wertung: 5/10

PANORAMA: Ted K

Ted K Berlinale

© TED K

Wer die erste, den amerikanischen Terroristen Ted Kaczynski fokussierende Staffel der Anthologieserie Manhunt gesehen hat, wird bestens vertraut sein mit der Geschichte um den sogenannten „Unabomber“, der über 25 Jahre lang mit Briefbomben sein Unwesen trieb. Tony Stones Biopic Ted K handelt die Vorgeschichte von Kaczynski, der als Mathematikgenie an Harvard studierte und kurze Zeit auch an der Universität in Berkeley lehrte, in wenigen Zeilen ab und widmet sich dann ausschließlich seinem zurückgezogenen, naturfokussierten Leben in der Wildnis Montanas.

Und dieses porträtiert der Film in strahlend-klaren Farben und mit einem sagenhaften, zwischen Synthieklängen und dramatischen klassischen Stücken erklingenden Soundtrack als drastisches Abgleiten in Paranoia, Technologie- und Menschenfeindlichkeit. Das herausragende an Ted K ist dabei, dass dieser Film an keiner Stelle Sympathie für Kaczynskis (Sharlto Copley) Extremismus weckt, uns dabei aber dennoch sehr nah an seine Wahrnehmungswelt heranführt. Diese zeigt einen Menschen, der nur noch Frieden im Einklang mit der Natur finden kann, diesen letzten Rückzugsort aber zunehmend durch Mensch und Maschine bedroht sieht. Während Kaczynski mit seinem gewaltsamen Protest gegen das Eindringen in ‚seine‘ Sphäre immer mehr Grenzen überschreitet, wird zugleich deutlich, wie sehr er unter seiner scheinbar selbst gewählten Einsamkeit und Isolation leidet.

Regisseur Tony Stone ist mit Ted K eine sehr eingängige Charakterstudie gelungen, die von Nathan Corbins abwechslungsreicher Kameraarbeit grandios eingefangen wird. Darüber hinaus besticht Ted K durch ein elaboriertes Sound-Design, das sehr nah an die strapazierte Psyche von Kaczynski heranführt und seine Aversion gegen moderne Technologie nachempfindbar aufbereitet. Ein das viel diskutierte Bild von Ted Kaczynski bereicherndes Biopic!

Ted K

USA 2021
REGIE: Tony Stone
DREHBUCH: Gaddy Davis, John Rosenthal, Tony Stone
KAMERA: Nathan Corbin
BESETZUNG: Sharlto Copley, Drew Powell, Amber Rose Mason, Travis Bruyer, Megan Folsom,
Andrew Senn
120 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – Panorama

culturshock-Wertung: 8/10

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